Zur Unmöglichkeit der Liebe


Zuerst erschienen in der Unique 12/11

Von Michael Fischer

Das Thema Liebe ist allgegenwärtig. Keine gute TV-Serie und fast kein Hollywoodstreifen kommen an ihr vorbei. Nichts wird so oft besungen, kein Stoff wird öfter literarisch verarbeitet. Jeder sehnt sich nach dem Gefühl des erfüllt und glücklich gemeinsam einsam auf der Welt Sein, das in der Liebe erfahren wird.

Die gesellschaftliche Vergänglichkeit der Liebe ist dagegen meist kein Thema und wenn, wird es meist oberflächlich behandelt (1). Dies hat einen Grund: Liebe wird als Konstante der menschlichen Natur selbst angesehen und zudem aus der Biologie abgeleitet. Nichts Neues also in der bürgerlichen Gesellschaft, in der auch der Kapitalismus naturalisiert und aus dem Wesen des Menschen selbst erklärt wird. Daraus resultieren solch zugleich schrecklich pragmatischen,  als auch unromantische Textstellen wie folgende: „Grundsätzlich sind wir Menschen nicht für langjährige Beziehungen geschaffen. Aus biologischer Sicht ist eine Bindung an einen Partner nicht länger nötig, als das Gründen einer Familie dauert. Dennoch brauchen die meisten für das eigene Wohlbefinden eine gewisse Kontinuität, also ein entsprechendes Maß an Beständigkeit.“ (2)

Eine Geschichte über Liebe

Die Liebe hat die Freiheit der Wahl zur Voraussetzung und diese Freiheit ist an gesellschaftliche Bedingungen geknüpft und entspringt nicht der Biologie. Nach Jean Paul Sartre, der selbst ein eher widersprüchliches Verhältnis zur Liebe hatte, definiert sich diese dadurch, dass die oder der Geliebte von der oder dem Geliebten nur aus freien Stücken geliebt werden kann.

Historisch gesehen entwickelte sich die Liebe aus der Opposition gegen die Polygamie und die mittelalterliche Ehe. In beiden Formen war Sexualität gleichbedeutend mit Herrschaft, denn die Polygamie (die nicht mit Promiskuität verwechselt werden darf) hatte die Sklaverei zur Voraussetzung und die mittelalterliche Ehe war durch Zwang charakterisiert. Diese Identität von Herrschaft und Sexualität vermochte erst die individuelle und zugleich romantische Liebe zu durchbrechen. (3) Zogen die bürgerlichen Revolutionäre auf dem politischen Schlachtfeld mit den Parolen von Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit gegen die personale Herrschaft des Adels und damit des Feudalismus zu Felde, richtete sich das bürgerliche Liebesideal gegen die bis dahin ausschließlich durch Herrschaft charakterisierten sexuellen Beziehungen der Menschen . Was zwar weiterhin kritikwürdige und sexistische Formen des Zusammenlebens hervorbrachte, aber einen Fortschritt gegenüber den vorangegangen gesellschaftlichen Stufen darstellte. Doch die Glücksversprechen der bürgerlichen Ideologie blieben unerfüllt, sowohl in ihrer gesellschaftlichen, als auch  in ihrer romantischen Dimension.

Die verwaltete Welt

So erging es der Liebe wie der Freiheit, von beiden war unentwegt die Rede, doch wurden die Begriffe ihres Inhalts entledigt. Was war geschehen? Das relativ selbstbewusste, zur Liebe noch befähigte Individuum, war verschwunden. Folgt man der Analyse der kritischen Theorie von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer oder Herbert Marcuse, verwandelten sich die Menschen im Laufe des 20. Jahrhunderts in Verwaltungsobjekte. Herrschaft wurde in Zeiten der verwalteten Welt als rational anerkannt und sogar ins Ich übernommen. Das Individuum identifiziert sich mit den von außen kommenden Normen und damit mit der Gesellschaft. Opposition gegen die Gesellschaft ist unter diesen Bedingungen nur mehr schwer denkbar. Die Menschen erhielten sich aus der kurzen liberalen Phase des Kapitalismus, in der Individualität erst möglich wurde, nur die Eigenschaften, die sie in der Gesellschaft für ihr wirtschaftliches und persönliches fortkommen gebrauchen konnten. Dazu gehört vor allem die Härte gegen andere und auch sich selbst. Gerade die unpraktischen aber liebenswürdigen Eigenschaften gingen dabei verloren. Allen voran die Leidenschaft in der Liebe, wie auch in der Gesellschaftskritik. Der Satz von Karl Marx: „Die Kritik ist keine Leidenschaft des Kopfes, sie ist der Kopf der Leidenschaft“ (4) wurde und wird deshalb leider immer unzeitgemäßer. Marcuse ging in seinem Werk Der eindimensionale Mensch sogar soweit zu schreiben: „Die Feier des autonomen Charakters, des Humanismus, tragischer und romantischer Liebe erscheint als Ideal einer rückständigen Entwicklungsstufe.“ (5)

Wie schon angedeutet, ging mit dieser gesellschaftlichen Entwicklung auch der Verlust jedes transzendenten Gedankens einher. Die Widersprüche im Kapitalismus blieben klarerweise weiterhin bestehen, doch ihnen galt es nun therapeutisch beizukommen – der Blick für das ganz andere ging den meisten Menschen  verloren. Dieses therapeutische Moment tritt uns heute auch in Form von Beziehungsratgebern entgegen.

Anleitung zur Liebe

Verlangt sind, Stärke, Autonomie, Individualität, Konfliktbewältigung und Flexibilität. Dies klingt zwar nach einem  Qualifikationsprofil für einen Job in den höheren Etagen eines Wirtschaftsunternehmens, glaubt man verschiedensten Beziehungsberatern im Internet oder auf dem Buchmarkt garantieren diese Attribute  in der heutigen Gesellschaft eine erfolgreiche Beziehung. Was schon der Name Beziehung verrät, offenbaren die geforderten Eigenschaften nur noch mehr: Mit einer romantischen Vorstellung von Liebe hat das nicht mehr viel zu tun. So meint auch Autonomie in der Beziehung, anders als in der romantischen Liebe, nicht die der Geliebten von der Gesellschaft, sondern voneinander.

Auch über die Trennung wird in einer formalisierten Sprache geschrieben, wie man sie auch aus Bedienungsanleitung für Elektrogeräte kennt. Nur erklärt einem die Anleitung nun in 15 Schritten, wie man die oder den Ex zurück bekommen kann. Die eigene Schwäche und Ohnmacht, die im Verlassen sein erlebt wird, soll so schnell wie möglich therapiert werden. Deshalb bekommt der oder die Verlassene auch tolle Tipps auf den Weg mit: Triff dich mit Freunden und lerne neue potentielle Partnerinnen kennen – Hauptsache du funktionierst bald wieder. Brüche oder Erfahrungen die daraus resultieren, sollten nicht zugelassen werden. Zur Trauer hat man aufgrund von Verpflichtungen im Beruf oder auf der Uni zudem kaum Zeit.

Ende des Widerspruchs, Ende der Liebe?

Nach Adorno ließ selbst noch die zurückgewiesene oder verlorene Liebe das Individuum den Widerspruch zur Gesellschaft erkennen. Da Liebe das Allgemeine an das Besondere, die einzelnen verrät, setzt sich mit dem Liebesentzug das Allgemeine gegen das Individuum durch. Die oder der Verlassene fühlt sich von allen verlassen. In der Sinnlosigkeit seines nun lieblosen Schicksals, offenbart sich ihm das Unwahre aller bloß individuellen Erfüllungen. (6) Dieser Widerspruch kann zu so etwas wie Gesellschaftskritik führen – muss es aber natürlich nicht

Weil sowohl Liebe als auch die Gesellschaft als naturgegeben gelten, kann das allgegenwärtige Scheitern der Liebe, nur aus den individuellen Fehlern der Liebenden erklärt werden, denen mit therapeutischen Maßnahmen beizukommen sei. Dass die gesellschaftlichen Bedingungen verstümmelte Individuen hervorbringen, die zur Liebe nur mehr bedingt befähigt sind, wird dabei übersehen. Unter gewissen gesellschaftlichen Bedingungen ist Liebe einfach nicht mehr möglich. Es kam also schlimmer, als es George Orwell in 1984 (7) vorrausahnte. Die Liebe musste nicht von einem totalitären System verunmöglicht werden. Schon allein aufgrund der Totalität der so genannten freien Gesellschaft wird Liebe immer undenkbarer.

  1. http://www.zeit.de/kultur/literatur/2009-11/sven-hillenkamp/seite-1  (28. November 2011)
  2. http://www.verfuehrung.info/beziehungsunfaehig.php  (28. November 2011)
  3. http://jungle-world.com/artikel/2010/38/41765.html  (28. November 2011)
  4. Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: Marx Engels Werke 1 Band, Berlin 2006
  5. Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch, München 2005
  6. Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt am Main 2003
  7. Heirat war an die Zustimmung der Partei gebunden. Fanden sich die Eheleute attraktiv wurde der Ehe-Antrag abgelehnt. Mehr noch als die Liebe sollte in der Welt von 1984 jede Erotik aber auch die Promiskuität verhindert werden. So etwas wie eine Liebesaffäre war sowieso undenkbar.
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