Adorno über faschistische Propaganda und Palästina


Adornos Forschungstexte zum Buch „Studien zum autoritären Charakter“, dass in den 1970er Jahren auch auf Deutsch erschien, entstanden bereits Ende der 1940er Jahre. Im letzten Abschnitt des Buches beschäftigt sich dieser mit den Radio-Ansprachen des evangelikalen Priester Thomas Martin Luther. Eher seinem Namensvetter Luther als Calvin anhängend, gründete er die pro-faschistische Organisation Christian American Crusade und war in den 1930er Jahren als Radio-Agitator tätig. Anhand seiner Person expliziert Adorno sowohl die Techniken der faschistischen Führer, als auch jene gesellschaftlichen Entwicklungen, die diesen in die Hände spielen. Da sich die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Menschen leben müssen, sich seit seiner damaligen Studie nicht zum Besseren gewandelt haben, liest sich das Buch überaus aktuell. Auch in Hinblick auf Palästina:

„Brücke zwischen theologischem Anti-Judaismus und faschistischem Antisemitismus ist Palästina. Scheint auch das Thema auf den ersten Blick ziemlich weit hergeholt, haben doch Berichte über die Neuansiedlung und Expansion der Juden wahrscheinlich eine bestimmte Bedeutung für die Antisemiten. Zu ihren fundamentalsten Triebkräften gehört die Klage, daß die Juden >da< sind. >Sie müssen raus< ; >sie sind hier nicht erwünscht.< Sie betrachten sie als Eindringlinge und Rechtsverletzter und empfinden ihre bloße Existenz als Bedrohung der Möglichkeit, sich >zu Hause< zu fühlen. In Wirklichkeit aber wollen sie sie an keinem Platz der Erde dulden. Sie beschuldigen sie, nach der Weltherrschaft zu streben und hegen doch selbst diesen Wunsch. Die Juden sind ihnen Symbol dafür, daß sie noch nicht die ganze Welt besitzen. Thomas´ zeitweilige verworrene Hinweise auf die Niederlassung der Juden in Palästina als Zeichen der herannahenden Tage des Jüngsten Gerichts, die nicht zu erkennen geben, ob er sie begünstigt oder ablehnt, reflektiert die Ambivalenz der Nationalsozialisten gegenüber dem Zionismus. Sie begrüßten ihn als Mittel, die Juden loszuwerden und erachteten ihn als gefährlich – oder gaben es wenigstens vor -, weil sie die Ausbreitung eines jüdischen Nationalismus über die Landesgrenzen befürchteten. Hinter dieser Ambivalenz zeichnet sich der Schatten eines tödlichen Hasses ab. Nach faschistischem Denken sollen die Juden weder bleiben dürfen, wo sie sind, noch die Möglichkeit haben, eine eignen Nation zu bilden. Ausrottung ist die Alternative. Ihre Niederlassung wird als Tatsachenbericht geschildert, die bloße Ausdrucksweise aber hat einen drohenden Aspekt. Das Publikum soll schaudern bei der Vorstellung der angeblich ungeheuerlich angewachsenen jüdischen Macht in Palästina, vor ihrem schreckenerregenden und gefährlichen Bild, und es mag seine Wut sogar anfeuern, wenn in den Berichten keine Namen genannt werden.“ (Theodor W. Adorno: Studien zum autoritären Charakter, S. 468-469)

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