Verantwortung?


„Tragen die Palästinenser die mindeste Verantwortung für die Shoah?“, ist die rhetorische Frage des Bloggers Schmok, die er aus einem taz-Kommentar von Dominique Vidal entlehnt hat. Besagter Blogger widmet sich dem Kampf gegen den weit verbreiteten Vorwurf, die Palästinenser seien die neuen Nazis. Zumindest mir  war dieser Vorwurf bisher völlig unbekannt, aber ich halte mich von politischen Szenen mit Hang zur Selbstviktimisierung auch fern. Als Vertreter dieser Position gibt Schmok die Personen Tilman Tarach und Alex Feuerherdt an. Zitate um das behauptete zu Belegen fehlen, eine Unart die man sich leisten kann, wenn man die vom Wahn befallenen auf seiner Seite weiß.  Eine Recherche auf der Suchmaschine von Google bestätigte die Vermutung: Im deutschsprachigen Raum gibt es diesen Vorwurf nicht, weder hat ihn Tarach, Feuerherdt noch sonst irgendjemand geäußert. Der einzige der diesen Vorwurf bisher verwendete, war Schmok selbst. Ohne danach gesucht zu haben, stößt man dagegen schnell auf Vergleiche und Analogien zwischen Nazis und Israelis.

Kommen wir zurück zur Eingangsfrage: „Tragen die Palästinenser die mindeste Verantwortung für die Shoa?“ Nun ist schon die Frage falsch gestellt. Denn zur Zeit der Vernichtung des europäischen Judentums durch die Nationalsozialisten und ihrer (auch muslimischen[1]) Hilfsvölker gab es weder eine Staat namens Palästina, noch verstanden sich die Araber auf diesem Gebiet als Palästinenser. Gemeint sind wohl die Araber auf dem Gebiet des damaligen britischen Mandatsgebiets. Tragen die Araber nun die mindeste Verantwortung für die Shoa? Angestoßen und durchgeführt haben sie die Shoa nicht, das ist klar. Aber es war der antibritische und antizionistische Aufstand der von 1936 bis 1939 dauerte und in den letzten zwei Jahren  von den Nazis finanziell und mit Waffen unterstützt wurde, mit dem die Araber den quasi  Zuwanderungsstopp von Juden nach Palästina erzwangen. Natürlich hätten die Briten 1939 diesem Druck in Form des Weißbuchs nicht nachgeben müssen, doch das Empire wollte die Araber nicht ganz vergraulen und so schlossen sich die letzten Flucht-Tore für die europäischen Juden kurz vor dem Beginn des Holocaust. Doch damit nicht genug: Die höchste religiöse Autorität dieses Gebietes war der Großmufti von Jerusalem. Von sich aus ging er immer wieder auf die Nazis zu und bat im Kampf gegen die Zionisten um Unterstützung. Nazi-Deutschland war Mitte der 30er Jahre aber noch an einem  Bündnis mit Großbritannien bemüht.  Die angestrebte Kampfgemeinschaft mit dem Empire war jedoch nicht der einzige Grund für die Zurückhaltung Deutschlands: In Hitlers „Mein Kampf“ hatte sich dieser eher verächtlich und abwertend über die Araber geäußert. Doch in diesen „Rassefragen“ zeigte sich der Nationalsozialismus flexibel. [2]

Der von Schmok zitierte Dominique Vidal hält Amin el-Hussaini, den Großmufti von Jerusalem, dagegen für ein marginales Problem. Unter ihm hätten nur Muslime vom Balkan gekämpft. Würde sich seine Tätigkeit tatsächlich nur auf das Aufstellen der Handschar-Division[3] beschränken, man könnte Vidal vielleicht sogar recht geben. Denn mit Fortdauer des Krieges lief ein großer Teil dieser Division zu den Partisanen über. Vergessen hat Vidal nur folgendes: In der Nacht vom 1. auf den 2. April 1941 kam es im Irak zu einem pro-deutschen Putsch der irakischen Offiziere. Die Grundvoraussetzungen dafür waren äußerst günstig: Nach britischer Geheimdienstangabe waren 95% der irakischen Bevölkerung deutschfreundlich eingestellt. Auch in Syrien soll die Stimmung damals ähnlich gewesen sein. [4]Nach der Machtübernahme der irakischen Offiziere wurde eine pro-nazistischen Regierung unter Ministerpräsident al-Galiani ausgerufen. Auch hier war der Großmufti von Jerusalem involviert. Aufgrund fehlender Luftunterstützung der Nazis hielt sich die Regierung jedoch nicht lange und Hussaini flüchtete nach Berlin und wurde dort ein vertrauter Himmlers. Neben seiner Tätigkeit bei Radio Zeesen, das täglich Nazipropaganda in den Nahen Osten aussendete, zeigte er ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft wenn es darum ging jüdische Kinder in den sicheren Tod zu schicken. Ihm wurde im April 1944 auch die Ehre zuteil, die Eröffnungsrede für ein Imamen-Institut im sächsischen Guben zu halten. Für sein Engagement bekam er 1946 Sonderlob von Hassan al-Banna, dem Gründer der ägyptischen Muslimbrüdern. „Ja, dieser Held der ein Empire herausforderte und den Zionismus bekämpfte, mit der Hilfe von Hitler und Deutschland. Deutschland und Hitler sind nicht mehr, doch Amin Al-Husseini wird den Kampf fortsetzen.“[5]  Und dies tat er nach 1945 auch und nahm Yassir Arafat politisch unter seine Fittiche. Für Vidal alles vernachlässigbare Kleinigkeiten. Aufgewogen soll dies dadurch sein, dass die überwiegende Mehrheit der Palästinenser für die Alliierten gegen die Nazis kämpfte. Was sagt das britische War Secratary dazu? Während des ganzen 2. Weltkrieges hatten sich 9041 Araber zum Dienst gemeldet. Bereits eine Woche nach Kriegsbeginn lag die Zahl der jüdischen Freiwilligen bereits fünfzehn Mal darüber. Dies nur um die Relationen zu erkennen. Da die Briten die Araber auch nach Beginn des 2. Weltkriegs nicht an die Deutschen verlieren wollten, wurden anfangs Regelungen erlassen, dass nur so viele Juden wie Araber in der britischen Armee kämpfen durften. Dies verminderte natürlich die Schlagkraft der alliierten Streitkräfte. Erst das rasante Vorrücken der deutschen Armee in Nordafrika ließ die Briten umdenken. Wie hoch die Kollaborationswilligkeit der Araber gewesen wäre, wenn Rommel bis nach Palästina durchgebrechen hätte können bleibt Spekulation. Sicher ist nur, dass die Juden in Palästina vernichtet worden wären.

Quellen und Leseempfehlungen:

Jeffrey Herf: Nazi Propaganda for the Arab World

Klaus-Michael Mallmann/Martin Cüppers: Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina


[1] Bis zu 170 000 sogenannter Ostlegionäre kämpfen in der deutschen Wehrmacht. Ungefähr zwei Drittel davon waren Muslime. Auf der Halbinsel Krim liefen die Krimtataren geschlossen zu den Nazis über. Sie waren die einzige muslimische Gruppe in dieser Region. Das Engagement wurde von den Deutschen belohnt. Für die Bataillone wurden eigene Mullahs gestellt. Auch in Frankreich kämpfte eine Einheit bestehend aus Arabern gegen die dortige Résitance.

[2] Schlussendlich machte nicht einmal der Terminus „Antisemitismus“ Probleme. NS-Nahostexperten hatten zwar schon früh davor gewarnt, dass man den Antisemitismus missverstehen könnte, weil ja auch Araber „Semiten“ seien. Doch von Seiten der Nationalsozialisten wurde darauf hingewiesen, dass sich der Terminus ausschließlich gegen Juden richte. Dem Großmufti von Jerusalem war dies jedoch zu wenig und so wurde von Himmler 1943 die Weisung ausgegeben, das Wort Antisemitismus habe in der deutschen Presse zu unterbleiben.

[3] Alles andere als glücklich waren die kroatischen Ustaschas. Diese verachteten die Muslime und taten daher alles um die Aufstellung einer solchen SS-Division zu verhindern. Erst nach Intervention hoher Nazistellen bei der kroatischen Regierung brach der Widerstand.

[4] In Syrien gab es während des 2. Weltkriegs fast nur achsenfreundliche Parteien. Die über Syrien abgeworfenen Flugblätter der Nazis, die die Botschaften el-Hussainis enthielten, wurden von der arabischen Bevölkerung fleißig gesammelt. Die deutsche Wehrmacht rechnete aus diesem Grund bei einem Einmarsch in Syrienmit keiner Gegenwehr, sondern mit einer Bevölkerung die bereitwillig kollaborierte.

[5] „Hassan Al-Banna and the Mufti of Palestine“ in „Contents of Secret Bulletin of Al Ikhwan al-Muslimin dated 11 June 1946“, Cairo (July 23, 1946), NACP RG 226 (Office of Strategic Services), Washington Registr SI Intelligence, Field Files, entry 108A, box 15, folder 2. Zitiert nach: Jeffrey Herf: Nazi Propaganda for the Arab World, Yale 2009

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2 Antworten zu Verantwortung?

  1. alkohol schreibt:

    Den Schnack vom „Islamofaschismus“ hat sich der Schmok jedenfalls nicht ausgedacht.

  2. M.F schreibt:

    Kommt im Text zwar nicht vor. Doch dabei ist ja jedem bewußt wie ungenau und problematisch der Begriff ist.

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