Kritik und Metaphysik


Der folgende Text ist eine Gedankensammlung und dient zur Selbstverständigung über ein Thema. Kritik nehme ich daher gerne an.

These: Die Metaphysik stieß im spätantiken Christentum auf große Ablehnung, erst durch islamische Quellen wurde sie im Rahmen der Scholastik in den Katholizismus aufgenommen und begünstigte damit indirekt die Religionskritik. Im Islam setzte sich die metaphysische Philosophie dagegen nicht durch.

Gedankensammlung: Im Zeitalter des Positivismus werden viele mit dem Begriff Metaphysik nichts anfangen können. Deshalb sei hier eine vereinfachte Erklärung voran gestellt: In der Metaphysik versucht man, Aussagen über die Struktur der Wirklichkeit und die Möglichkeit der Erkenntnis aus reinem Denken zu gewinnen, damit steht sie auch in Opposition zu dogmatischem Denken.

Die Metaphysik wird in unseren Tagen meist mit der Theologie, namentlich der Katholischen in eins gesetzt. Dabei war die Beziehung zwischen beiden nicht ohne Spannung. Hat die Metaphysik doch immer etwas kritisches an sich, dass gegen Dogmen und Offenbarungen argumentierte. Zugleich verfügt die Metaphysik über eine konservative Seite, die bestehendes argumentativ festigen will. Beide Momente begünstigten die Wiederaneignung der Metaphysik im europäischen Hochmittelalter. Theodor W. Adorno dazu in seiner Vorlesung zur Metaphysik aus dem Jahr 1965: „Und es ist kein Zufall, daß Metaphysik im Hochmittelalter wieder auferstanden ist in der Zeit der städtischen bürgerlichen Kultur, in der die naive Unmittelbarkeit zu dem christlichen Glauben bereits erschüttert war; und dann ein zweites Mal in der Gesamtbewegung des Denkens, die man im allgemeinen durch Begriffe wie Renaissance, Reformation, Humanismus einzugrenzen pflegt.“ Leider verbleibt die Analyse von Adorno hier auf der rein beschreibenden Ebene. Interessant wäre die Darstellung der polit-ökonomischen Verhältnisse gewesen, die ein kritisches Denken begünstigt haben. Festzuhalten bleibt aber: Da der naive Glaube an Gott zerstört war, musste er nun vernünftig und  argumentativ bewiesen werden. Doch wo ein Gottesbeweis versucht wird, gibt es auch die Möglichkeit die nicht-Existenz Gottes zu beweisen. Hier lassen sich die Ursprünge der Religionskritik verorten.

Die Grundtheorien der Metaphysik entstammen bereits dem antiken Griechenland und wurden im frühen Christentum teils gewaltsam unterdrückt. In seinen Vorlesungen zur Metaphysik beschrieb Theodor W. Adrono wie in der Spätantike das zur Staatsreligion gewordene Christentum in Athen begann die Philosophieschulen zu schließen und gar zu Unterdrücken. Wie kam nun aber die griechische Philosophie in den Katholizismus und ermöglichte damit die Herausbildung der Scholastik? Stramme Kämpfer für das Abendland werden es nicht gerne hören, aber dafür, dass der Katholizismus sich so entwickelte wie er es tat, sind unter anderem islamischen Philosophen verantworlich, die die griechischen Texte wiederentdeckten. Die Geschichte war eben schon früh eine Weltgeschichte, in der es kaum möglich war, dass sich Kulturen völlig unabhängig voneinander entwickelten.

Dass sich die Metaphysik im Islam aber nicht durchsetzten konnte, werden nun jene Islamapologeten nicht gerne hören, die gerne auf diese kurze und schlussendlich gescheiterte Episode des Islams verweisen. Lassen wir dazu erneut Adorno zu Wort kommen: „Und, nebenbei bemerkt, hat sich in der großen theologischen Reaktion des Islam gegenüber den Aristotelischen islamischen Philosophen dann noch einmal genau dasselbe wiederholt [wie im spätantiken Christentum]; zu einer Zeit freilich, zu der bereits das metaphysische Erbe, durch islamische Philosophen vermittelt, sich in dem christlichen Europa seine Stelle erobert hat. Man empfand also damals in der Spätantike die Metaphysik gegenüber dem Christentum ausdrücklich als etwas Subversives. Und ganz ähnlich dachten dann auch die fanatischen islamischen Mönche, die die Philosophen in die Verbannung getrieben haben.“ Auch hier wäre nach den Bedingungen zu Fragen, die zum Scheitern der metaphysischen Philosophie im Islam geführt haben. Eine Frage auf die ich im Moment keine Antwort weiß.

Und eben hier, im Erfolg und nicht-Erfolg der griechischen Philosophie in Christentum und Islam liegt der Grund, warum allgemeine Religionskritik zu hinterfragen ist. Zwar sollte Kritik keine Religion ausnehmen aber nicht alle Religionen sind gleich zu kritisieren.

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4 Antworten zu Kritik und Metaphysik

  1. Cyrano schreibt:

    Zum Polit-ökonomischen mag ich mangels (bei mir) gesicherten Wissens nun nichts sagen…

    allerdings glaube ich, dass die Entwicklung der Scholastik ohne diese vorwegnehmende Tendenzen in der frühen christlichen Theologie kaum zu denken ist. Bereits Aristotelisch, und damit, was damals auch kaum geleugnet wurde, von Muslimischen Bewahrern und Kommentatoren beinflusst, ist die Scholastische Lehre von der Transsubstantiation, z.B. und vor allem bei Thomas. Die dieser Lehre innewohnende Problematik, wie eines das Andre werden kann, ohne andres zu sein, ist allerdings frühester Theologie inhärent, und verlangte zwingend nach Begrifflichkeiten, die über einen Naiven Glauben hinaustreiben müssen. Da ich dazu allerdings keine Quellen vor dem 12/13. Jhdt kenne, bleibt das erstmal Spekulation, wenn auch, wie ich denke, wohl Begründet. Eine stete Denkbewegung verlangte den Gläubigen allerdings die Trinitätslehre ab, diese verlangt, das dem Begriff und dem Wesen nach mit sich selbst Identische (Gott nach Aristoteles, auch nach Thomas), als nicht Identisch zu denken, ohne es in seine Bestandteile aufzulösen. So sieht Tertullian Geist, Sohn und Gottvater als Personae des gleichen Ganzen, und nutzt nicht zufällig Begriffe aus der Sphäre des Recht (und womöglich des Theaters), um diesen Zustand zu beschreiben. Das Athanasische Glaubensbekenntnis (auf Wikipedia nachzulesen), wird dann so formuliert:

    “ Wir verehren den einen Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit,
    ohne Vermengung der Personen und ohne Trennung der Wesenheit.
    Eine andere nämlich ist die Person des Vaters,
    eine andere die des Sohnes,
    eine andere die des Heiligen Geistes.“

    Hier soll also die Wesenheit Gottes nicht mit den Personen vermengt werden, wobei auch der Vater als Person, das Ganze allein als Wesenheit (die dann nicht näher zu bestimmen wäre), gefasst wird. Meine nun sicher nur unzureichend belegte, und hier zu kurz begründete These wäre, dass zuerst im Konzept der Trinität, das im Johannesevangelium am deutlichsten begründet wird, und auch in der Lehre von der Transsubstantiation, die scholastische Theologie, die in ihren Annahmen die möglichkeit einer Widerlegung des Begriffs von Gott vorsehen musste, bereits angelegt war. Die Trinität (man könnte sagen, ein theologisches Dreikörperproblem) treibt dabei notwendig über sich hinaus, die Transsubstantiation… nun, darüber denke ich immernoch nach. Das ein empirischer Gegenstand ein anderer wird, das wurde immerwieder an verschiedenen Orten geglaubt. Dass dies nun plötzlich begründet werden musste, kann weder innerhalb der Theologie, noch allein durch die Wiederentdeckung des Aristoteles erklärt werden. Und da wären wir wieder bei gesellschaftlichen Gründen, die ich (s.o.) hier ausgeklammert habe.

  2. Cyrano schreibt:

    Ein weiterer Gedanke: Der von verschiedenen Häresien gegen den Past und die etablierten Orden im 14. Jhdt ausgefochtene Streit um die Besitzlosigkeit Jesu, und um das Armutsgebot ausgefochtene Streit (der so wohl nur in einem Territorial schwer zu regulierenden Feudalismus denkbar), hat sicher neben der Theologischen Problematik auch ab diesem Moment im Christentum die soziale aufgegriffen. Armut als Gebot der Schrift musste die Besitzenden in Zugzwang versetzen, was auch geschah. Das hierbei Machtkämpfe im Rücken der Idee ausgefochten wurden, geschenkt. Ins verfestigte Verständnis vom Christentum kam spätestens hier auch von unten Bewegung. Und „Armut“ aller als Forderung, oft gekoppelt mit der Verheißung gemeinen Eigentums, war sicher einst weniger Reaktionär, als es das heute, zweifellos, in einer Gesellschaft ist, die dem Stande der Produktionsmittel entsprechend die Versorgung der Menschheit längst vernünftig und zufriednestellend besorgen könnte.

  3. Pingback: Dialektik katholischer Theologie « SonntagsGesellschaft

  4. Claudia schreibt:

    Hallo Traumvoneinersache,
    nach ausführlicher Lektüre muss man allerdings zu dem Schluss kommen, dass nicht die Quellen der Muslime wie Averroes vor allen anderen die Wirkursache der Scholastik sind, sondern Thomas von Aquins Erkenntnis, dass Averroes Kommentare (DER Aristoteles-Kommentator) das Christentum abwerten würden und nur GEGEN die arabischen Quellen sich die scholatische Metaphysik entwickeln könnte. Horkheimer hatte im übrigen für Averroes nicht viel übrig.
    Averroes Aristoteles-Interpretation ist eine rein rationalistische Interpretation, die den Hellenen selbst noch ihre Götter stahl, um sie überhaupt mit islamischer Religion kompatibel zu machen und nicht des Polytheismus schuldig zu werden. Averroes behauptete, die Philosophie hätte eine andere und zwar höhere Wahrheit als die Religion. Dort, wo sich der sogenante Averroismus (gegen den Thomismus) im Christentum des Hochmittelalters und der Renaissance breitmachte, trieb zugleich plattester Atheismus sowie sein scheinbares Gegenteil Mystik und na sagen wir mal modern ent-individuierter Glaube sein Unwesen. Nicht zuletzt kam im Gefolge des Averroismus auch der Beginn vom Ende der Metaphysik.
    Viele Grüße,
    Claudia

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