Über George Orwell, Gandhi und die Gefährlichkeit des Pazifismus


„Da Pazifisten mehr Handlungsfreiheit in Ländern haben, in denen Ansätze der Demokratie bestehen, können Pazifisten effektiver gegen die Demokratie wirken als für sie. Objektiv betrachtet ist der Pazifist pro-nazistisch.“ (George Orwell)

Vielen ist George Orwell als Autor von Animal Farm und 1984 bekannt. Beides Bücher, in denen der sowjetische Kommunismus einer scharfen Kritik unterzogen wird. Wahrscheinlich liegt ein Teil des Erfolges der beiden Romane auch darin gelegen, dass sie dem antikommunistischen Ressentiment[1] nach 1945 Argumente lieferten. Ansonsten kann nur schwer erklärt werden, warum einem in der Schule, neben der ganzen Besinnungs-Literatur, für das das Buch „der Vorleser“ nur exemplarisch steht, auch George Orwell präsentiert wird.  Orwell selbst kann dies aber nicht angelastet werden. Er schrieb seine Kritik um den Gedanken an den Kommunismus zu retten und hatte zeitlebens auch nie ein Geheimnis um seine Sympathie für eine vernünftig eingerichtete Welt gemacht. In seinem Text „Zur Verhinderung von Literatur“ aus dem Jahre 1946 schrieb er: „Einem kann man zustimmen, und die meisten aufgeklärten Menschen tun dies auch: daß, wie die Kommunisten erklären, wahre Freiheit nur in einer klassenlosen Gesellschaft möglich sei und daß heute derjenige schon annähernd frei ist, der für das Zustandekommen einer solchen Gesellschaft kämpft.“ (George Orwell 1975, S. 81)

Dass seine Bücher überhaupt antikommunistisch vereinnahmt werden konnten, lag an der großen Mehrzahl der Linken und Kommunisten die noch jeden Irrsinn der Sowjetunion verteidigten (Oder die Sowjetunion dann kritisierten, wenn sie etwas richtig machte: Afghanistan ab 1979) und es damit den Reaktionären überließen, die niederschmetternde Realität in der Sowjetunion zu beschreiben und zu kritisieren.

Orwell war deshalb auch einer der schärfsten Kritiker der linken Intellektuellen und Parteikommunisten, die er in den 1940er Jahren als größte Feinde der geistigen Freiheit benannte. Jene Parteisoldaten nahmen es aufgrund der Parteilinie nie so genau mit der Wahrheit, denn sie hätte ja der Partei des Kommunismus schaden und den Reaktionären in die Hände spielen können. Außerdem musste man als Moskautreuer-Kommunist flexibel sein: Was heute noch als unumstößlich galt, konnte morgen schon ein antikommunistischer Glaubenssatz sein. Das Erbe jener Tage ist die in der Linken beliebte Ablehnung einer verbindlichen Wahrheit und der Siegeszug der postmodernen Theoriebildung. Zudem ist man heute meist antiautoritär und lässt sich nicht mehr von Parteizentralen die täglichen Wechsel der Glaubenssätze diktieren, sondern macht das selbstbewußt und autonom: Dies schlägt sich im zyklisch wechselnden Bekenntnis zu neuen Identitäten, Zeitschriften, Ländern, Religionen oder Essgewohnheiten nieder. Man ist nicht fähig bei einer Sache zu bleiben.

Aber zurück zu George Orwell. Nicht so bekannt wie seine zwei „Hauptwerke“ sind seine Essays zu verschiedensten Themen, auf eines soll kurz eingegangen werden. In seinem Text „ Gedanken über Gandhi“ setzt er sich mit der Führungsfigur des Indischen Befreiungskampfes gegen Großbritannien auseinander. Er verhehlt keinesfalls seine Abneigung gegen Gandhi, er spricht sogar davon, dass er eine Art ästhetische Abscheu gegen ihn hege, trotzdem bleibt die Kritik gegen Gandhi immer nachvollziehbar. Orwell hält im zugute, dass er bei seinem gewaltlosen Kampf für die Unabhängigkeit nie Hass gegen England geschürt habe. Daher seien in Zukunft sogar freundschaftliche Beziehungen zwischen Indien und Großbritannien möglich. Zudem sei er im Vergleich zu anderen politischen Führern der damaligen Zeit geradezu angenehm.  Nicht so nachsichtig ist Orwell aber mit den europäischen Bewunderern des indischen Politikers: „In späteren Jahren war es üblich, von Gandhi so zu sprechen, als ob er nicht nur mit der westlichen linken Bewegung sympathisiere, sondern ihr geradezu als Mitglied angehöre.“ (George Orwell 1975, S. 163)

Vor allem Anarchisten und Pazifisten hätten so gehandelt und dabei die inhumanen und reaktionären Inhalte seiner Politik völlig übersehen. Für Gandhi war die reale Welt ein Ort der es zu entrinnen galt, für ihn war nicht der Mensch das Maß aller Dinge sondern Gott – mit Linken und selbst Liberalen Idealen wäre dies eigentlich unvereinbar, weil es ihnen zu aller erst um den Mensch gehen müsste.

Aus dieser Gott-zentrierten Grundhaltung resultieren Gandhis inhumane Positionen. Zuallererst sei die Lustfeindlichkeit des Politikers erwähnt, die bei den Essensvorschriften beginnt, sich über die Ablehnung persönlicher Freundschaft zieht und im Verzicht auf die leibliche Lust gipfelt. Auch wenn diese Lustfeindlichkeit heute in der Linken ziemlich unwidersprochen ausgelebt wird, war die Anziehungskraft Gandhis auf die Linke in Europa während und nach dem zweiten Weltkrieg wohl einem anderen Punkt zu verdanken – seinem Pazifismus. Dabei hätte Gandhi der Linken die Konsequenzen des Pazifismus aufzeigen können.

Westliche Friedensfreunde seien im zweiten Weltkrieg den wichtigen Fragen immer aus dem Weg gegangen, bemängelt Orwell: „Was ist mit den Juden? Kann man ruhig zusehen, daß sie ausgerottet werden? Wenn nicht, was schlagen sie zu ihrer Rettung vor, ohne auf das Mittel des Krieges zurückzugreifen?“ (George Orwell 1975, S. 167) Gandhi habe diese Frage im Gegensatz zur Linken beantwortet und sei ihr nicht ausgewichen: „(…) die deutschen Juden sollten kollektiv Selbstmord begehen, um die ganze Welt und das deutsche Volk gegen Hitlers Gewaltherrschaft aufzurütteln. Nach dem Krieg rechtfertigte er diese Ansicht mit den Worten, die Juden hätten sowieso den Tod gefunden und hätten daher auch um ihrer Sache willen freiwillig sterben können.“ (George Orwell 1975, S. 167) Hier offenbart sich der widerliche Zynismus des Pazifismus, der lieber Millionen von Menschen in den Tod schickt, statt mit Krieg das Ende der Schlächterei zu bewerkstelligen.

Gandhi hatte das Glück mit Großbritannien einen Gegner zu haben, der aufgrund seiner liberalen Ideale  gewaltfrei besiegt werden konnte. Gewaltfreier Widerstand oder Pazifismus setzt einen Gegner voraus, der es moralisch nicht verantworten kann wehrlose Menschen zu töten. Ab den 1920er Jahren traten mit dem Faschismus und viel mehr noch mit dem Nationalsozialismus Bewegungen auf, die sich durch Gewaltfreiheit und Zurückhaltung nicht beeindrucken ließen und dies eher als Schwäche des Gegners deuteten, der sie nur noch mehr anstachelte. Die Leitmotive des Nationalsozialismus waren Gewalt und Vernichtung, ihr Antisemitismus war eine Heilsideologie: Mit dem Massenmord an den Juden sollte die Welt gerettet werden. Gegen einen solchen Gegner hilft kein gewaltfreier Widerstand mehr. Statt Pazifismus und Zurückhaltung wäre daher in den 1930er Jahren eine ernsthafte Kriegserklärung von Seiten der Alliierten an die Adresse von Deutschland nötig gewesen. Dann wäre es wohl niemals zum zweiten Weltkrieg gekommen.

Dies konnte man 1938 noch nicht wissen, heute jedoch schon. Der Popularität des Pazifismus tut dies keinen Abbruch was die Demo-Sprüche wie „Nie wieder Krieg – Nie wieder Faschismus“ bezeugen und ehrlicherweise gleich „Nie wieder Krieg gegen den Faschismus“ heißen müssten.

Pazifismus heute

Zumindest hält der Pazifismus einen Teil der Linken noch ab, allzu offensichtlich mit den Antisemiten von der Hamas und der Hisbollah zusammenzuarbeiten. Man begnüngt sich im Kampf gegen Israel und den Zionismus mit Arbeitsteilung. So rechnet die bekannte Queer-Theoretikerin Judith Butler, die beiden antisemitischen Mörderbanden an den Grenzen zu Israel der globalen Linken zu, weil sie im Kampf gegen den Kolonialismus entstanden seien. Natürlich will Butler damit keine Sympathie für Hamas und Hisbollah bezeugen, lehnt sie doch deren gewaltsamen Kampf ab. Wichtig ist aber festzuhalten: Sie hat anscheinend keine inhaltlichen Probleme mit der Hamas und Hisbollah, sondern stört sich nur daran, dass die Zerstörung Israels gewaltsam von statten gehen soll. Dagegen empfiehlt sie einen gewaltlosen Widerstand, der zur internen und Internationalen De-Legitimierung Israels führen soll. Dies könnte sogar erfolgreich sein, weil Israel eben kein faschistisches Land ist, sondern es sich als bürgerlicher Staat nicht leisten kann, wehrlose Menschen zu töten. Die Queer-Theoretikerin dient sich als PR-Beraterin an, um ein judenfreies Palästina gewaltfrei zu realisieren – und dies ist die heutige Gefährlichkeit des linken Pazifismus: Da er gegen wirklich menschenverachtende Gegner nutzlos ist, richtet er sich notgedrungen nur gegen jene Gegner mit einer gewissen Restvernunft (Und wenn es nur jene beschränkte ist, die eine Welt zulässt die nach dem Prinzip der Wertverwertung funktioniert.).


[1] Es ist zu unterscheiden zwischen einer Kritik an der Sowjetunion, die die UDSSR deshalb kritisiert, weil der real-existierende Sozialismus ein autoritäres und unfreies System war, dass wenig mit einer menschenfreundlichen Einrichtung der Gesellschaf zu tun hatte (Das was Orwell reinen Kommunismus nennt): Denn die Sowjetunion hielt in Punkto Freiheit  nicht einmal den Vergleich mit dem liberalen Westen stand. Zum anderen gibt und gab es ein antikommunistisches Ressentiment, das schon jeden Gedanken an eine bessere Welt für totalitär und schlecht erklärte. Deshalb wird auch jedes Argument gegen die Sowjetunion sofort gegen eine vernünftige und menschliche Einrichtung der Welt gewendet.

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