Die Fehler des Etienne Balibar


Die Frage die sich heute stellt: Wie kann Diskriminierung von Menschen die als „fremd“ wahrgenommen werden in einer Gesellschaft erklärt werden, die größtenteils auf die rassische Begründung dieser Diskriminierung verzichtet? Der französische Marxist Etienne Balibar schlägt hier vor, von einem differentialistischen Rassismus, einem Rassismus ohne Rassen zu sprechen. Nicht mehr die biologische Vererbung sei der Inhalt dieses Rassismus, sondern die unaufhebbaren kulturellen Gegensätze , daher komme dieser Rassismus auch ohne Rassentheorien aus. (Vgl. Etienne Balibar 1990, S. 28)

An anderer Stelle gibt Balibar jedoch selbst die Mängel seiner eigenen Theorie vom „Rassismus ohne Rassen“ preis. Im Hinblick auf die Tradition und Identität von menschlichen Gruppen schreibt er: „Hier kommt die Tatsache zum Ausdruck, daß ein biologischer oder genetischer „Naturalismus“ keineswegs den einzigen möglichen Modus einer Naturalisierung menschlicher Verhaltensweisen und Gesellschaftlichkeit darstellt.“ (Ebd., S. 29-30) (Ein Blick ins Kapital von Marx genügt um das zu bestätigen)

Damit widerlegt er sich aber selbst: Wenn es also nicht der Rassentheorien bedarf, um zu behaupten, menschliche Gruppen kämen gesellschaftliche Verhaltensweisen aufgrund ihres Wesens oder ihrer Identität zu, ist eben nicht der Rassismus der Grund für diese Naturalisierung, sondern umgekehrt nur eine historisch zufällige Legitimationsfolie dieser Naturalisierung.[1] (Vgl. Clemens Nachtmann 2009, S. 54) Konkret heißt das: Die schon vorher angenommen prinzipielle Unterschiedlichkeit von menschlichen Gruppen, wird nun wissenschaftlich mit der Rassentheorie beschrieben.

Man muss sich immer vor Augen halten: Rassismus oder besser Rassentheorien wurden zu einer Zeit zur Legitimation für die Einteilung der Menschen in verschiedene Gruppen, als fast niemand daran Zweifel hatte, dass Menschen von Natur aus unterschiedlich seien. Heute ist zumindest der Glaube an Rassen größtenteils verschwunden, nicht aber die Begründungen für Ungleichbehandlung und Ausgrenzung, nur werden diese an anderen, unveränderlichen und zum Teil als angeboren angenommenen Identitäten festgemacht.

Der heutige Antirassismus redet aber nicht zufällig vom Rassismus ohne Rassen. Er hat sich ein leicht zu schlagendes Denksystem zum Feind gemacht: Den historischen Rassismus und die überkommenen Rassentheorien, die heute fast nicht mehr vertreten werden. Dadurch wähnt man sich auf der moralisch richtigen Seite, weil man gegen das Übel Rasse kämpfe. Auf der anderen Seite wird aber die kulturelle Eigenart der Völker gegen jeden Universalismus verteidigt. Kritik an Kulturen erscheint als Anmaßung und irgendwie als Rassismus. Damit versucht der heutige Antirassismus den Rassismus durch ein Denksystem zu bekämpfen, durch das er sich historisch etabliert hat. Alain Finkielkraut schreibt dazu: „Wie die alten Lobsänger der Rasse halten die gegenwärtigen Fanatiker der kulturellen Identität den einzelnen im Gewahrsam seiner Zugehörigkeit. Wie jene setzen diese die Unterschiede  absolut und zerstören im Namen der Mannigfaltigkeit der einzelnen Kausalität jede den Menschen gemeinsame Natur oder Kultur.“

Die Entsorgung des Antisemitismus bei Balibar

Der Antisemitismus und dies ist in diesem Zusammenhang wichtig, hatte eine vom Rassismus unabhängige Entstehungsgeschichte (Vgl. Georg L. Mosse 2006, S. 8) und artikulierte sich, wie wir noch sehen werden, auch anders als dieser. Erst Ende des 19. Jahrhunderts verschmolzen antisemitische und rassische Theorien: Der Antisemitismus wurde ab diesem Zeitpunkt, meist rassisch und nicht mehr religiös legitimiert. Also auch zu einem Zeitpunkt, als Rassentheorien gesellschaftlich unhinterfragt waren. Diese unterschiedliche Entwicklung kann man auch schon daran erkennen, dass Arthur Comte de Gobenieau, der als Begründer des Rassismus gilt, kein Antisemit war. (Vgl. Ebd., S. 79)

Gleichzeitig gab es im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhundert auch antisemitische Bewegungen der französischen Rechten, die katholisch waren, deswegen ohne die Rassentheorie auskamen, aber die Wirkung der Taufe bezweifelten. Inhaltlich unterschied sich dieser Antisemitismus aber wenig vom rassisch legitimierten: Auch hier standen die Juden für den Materialismus und den Kapitalismus. (Vgl. Ebd., S. 81)

Balibar sitzt nun zwei Fehleinschätzungen im Bezug auf den Antisemitismus auf. Erstens hält er ihn für eine Form des Rassismus ohne zu sehen, dass der Antisemitismus auch ohne Rassentheorien artikuliert werden konnte und zweitens macht er aus dem Umstand, dass im Antisemitismus der Rassenbegriff nie so zentral war – was er selbst erkennt – das Argument, der Rassismus ohne Rassen sei eine Verallgemeinerung des Antisemitismus.[2] (Vgl. Etienne Balibar 1990, S. 32)

Das sich der Antisemitismus in rebellischer Pose des Konformen gegen die als die Welt beherrschenden Juden richtet und der Rassismus früher und die Fremdenfeindlichkeit heute, sich vor allem gegen die als naturhaft vorgestellten Menschen außerhalb Europas richtet, erkennt Balibar nicht.

Nur deshalb kann Balibar behaupten: Die Fremdenfeindlichkeit gegen Araber in Frankreich könne  nur als verallgemeinerter Antisemitismus, als eine „Rassismus ohne Rassen“ verstanden werden: „Dieser Hinweis ist besonders wichtig, um die gegenwärtige Feindschaft gegenüber den Arabern, vor allem in Frankreich, zu begreifen. Sie ist verbunden mit einem Bild des Islam als einer mit dem europäischen Denken (européicité) unvereinbaren >Weltanschauung< und als eines auf universell ideologische Herrschaft angelegten Unternehmens, d.h. sie verwechseln systematisch >Arabertum< und >Islamismus<.“ (Ebd.)

Weder Antisemitismus noch Fremdenfeindlichkeit werden heute in der breiten Öffentlichkeit mit Rassentheorien begründet.[3] Daraus schließt Balibar fälschlicherweise, dass es zu einer Verallgemeinerung des Antisemitismus gekommen sei, weil es dieser mit dem Rassenbegriff nie so ernst nahm. Balibar hat hier aber nur die Legitimationsfolie zweier von einander inhaltlich zu unterscheidenden Phänomene vor Augen: Er schließt von der Form der Begründung, auf den Inhalt des Ressentiment.


[1]Naturalisierung von gesellschaftlichen meint hier, dass etwas gesellschaftlich bestimmtes wie „gut zu arbeiten“, „fleißig zu sein“, „etwas geschickt zu bedienen“ ,„intelligent sein“  wie auch umgekehrt „faul, dumm, gewalttätig, unhygienisch usw“ zu sein, verschiedenen Menschengruppen oder Identitäten in ihrer Gesamtheit zugeschrieben wird.

[2] Woraus sich heute auch des Öfteren die Gleichsetzung von Antisemitismus und Islamophobie ergibt.

[3] Was im Umkehrschluss nicht heißt, das es nicht auch heute noch Personen gibt, die mit dem Rassen-Begriff operieren.

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Eine Antwort zu Die Fehler des Etienne Balibar

  1. jasper schreibt:

    „Auf der anderen Seite wird aber die kulturelle Eigenart der Völker gegen jeden Universalismus verteidigt. Kritik an Kulturen erscheint als Anmaßung und irgendwie als Rassismus.“

    dieses allzu dumme und massentaugliche dogma findet sich, genauso wie der verkürzte antikapitalismus, der antisemitismus, esoterische befreiungstheologie und moralisierenden pseudoalternativwirtschaften überall in aufgeklärten gesellschaften und stellt quasi die grenzen der aufklärung dar. viel zu viele menschen sind nicht willens und scheinbar nicht fähig – ob von natur aus wie manche soziologen (vgl. schmidt-salomon’s „strukturell bedingte dummheit“ in „manifest des evolutionären humanismus“) behaupten oder von herrschenden schichten bzw klassen gemacht sei dahingestellt – geschehnisse im verborgenen zu begreifen. So verhält es sich auch mit dem populären antirassismus. rasse, das ist nicht kultur, und ich gebe dem autor darin recht, dass sich ein großer teil des – ich nenne ihn für derweil „populärer antirassismus“- gerade durch seinen begriff der kultur als etwas angeborenes, quasi rassisches, als analytisch falsch entlarvt.

    moderner rassismus definiert sich, so hart das klingen mag, also auch durch populären antirassismus. die „falsche toleranz“ erhebt die kultur zur unabänderlichen eigneheit, zum definitiven unterschied zwischen den menschen, erscheint geradezu biologisch, und bejaht eben damit den kerngedanken des rassismus: das menschen NICHT von geburt an gleich sind.

    allerdings, und das ist, worauf ich hinaus will, ist dieser flache und relativ leicht zu durchschauende „antirassismus“ mittlerweile, so würde ich behaupten, bis auf manche exotischen, scheinbar gegen jede kritik resistenten, gruppierungen, als „kulturrelativismus“ schon längst entlarvt und geächtet. Wer sich ernsthaft mit herrschaftsmechanismen aller art beschäftigt, wird wohl kaum daran vorbeikommen, sich gedanken darüber zu machen, was denn nun wirklich über den menschen herrscht, und was nur als halbe, verkürtzte erklärung der herrschaft hergenommen wird. spätestens dann, wenn es um herrschaftskritik allgemein geht, wenn die iranische widerstandsbewegung „nieder mit der islamischen republik“ schreit, wenn graue wölfe mit heimischen neonazis gemeinsame sachen machen, dann ergeben sich widersprüche von solch schlagender qualität, dass sich selbst der kritikresistenteste pseudorevolutionär zum überdenken vom politisch exponierten balkon des kulturrelativsmus zurückziehen muss.

    ironischerweise ist es leider wieder ein trugschluss, zu meinen, allein diese erkentnis würde irgendetwas zum besseren bewegen: H.C. Straches „kritik“ am kulturrelativismus und eine „rückbesinnung“ auf die echten wurzeln der fremdenfeindlichkeit in form von blanker, rassisch argumentierter hetze alá „muezin statt pummerin“ und „daham statt islam“ sind beliebte ansatzpunkte einer populären rückbesinnung auf einen faschismus, der sich fälschlicherweise rassisch gibt, aber eigentlich, den beziehungen der FPÖ-außenpolitik von gadaffi bis zum iranischen regime folgend, kulturrelativistchen ursprungs ist. außen rassisch, innen kulturrelativistisch. etwas, was auf den ersten blick die kritiker faschistischer organistionen wie die FPÖ verwirrt. ich sage „faschismus“ um den universalen charakter dieser politischen stoßrichtung sichbarer zu machen: egal ob revolutionsgarden im iran, gadaffis schergen in libyen oder rechtsnationalistsche faschisten auf der ganzen welt: der völkische kulturrelativismus kennt keine universale gleichheit außer die überall geltende ungleichheit. die erhaltung der „unterschiede“ der kulturen ist sein ziel, und es juckt den idealisten dieses ressentiments nicht die bohne, ob oder wie unterdrückend eine kultur ist, solange die unterdrückende eigenart der eigenen kultur unangetastet bleibt. klassisch reaktionär nationalsozialistisch könnte man meinen. der populäre antirassist hingegen lässt sich vom durchaus gutgemeinten, aber verkürzten toleranzgedanken leiten und erkennt – um banalerweise mal tagespolitisch zu werden – in einem burkaverbot keinen triumph für die aufgeklärte gesellschaft, sondern vielmehr eine niederlage selbiger. die komplexität der mechanismen entzieht sich dem verstand des unbelesenen. aus einem sich mehrschichtig verhaltenden mechanismus wird ein dualistischer. für oder gegen. FPÖ oder Kulturrelativismus. Wer nicht allzuviel zeit hat nachzudenken, bzw sich nicht guten philosophischen gesprächen stellt und unter genereller fraglosigkeit leidet, der wird sich sehr schwer tun, populären antirassismus als nicht per se herrschaftsfeindlich zu erkennen.

    mr. balibar mag bezüglich des antisemitismus insofern richtig liegen, als dass er ihn als im grunde auf jedes volk anwendbaren herrschaftsmechanismus erkennt. genauer müsste es lauten, dass fremdenfeindlichkeit in frankreich oftmals die form und inhalt (!) ((ich verstehe nicht, warum gewöhnliche fremdenfeindlichkeit per se vom inhalt her verschieden zum inhalt des antisemitismus sein sollte)) von gewöhnlichem antisemitismus annimmt. die regel wird es nicht sein, aber die strukturell bedingte dummheit macht nicht nur fraglos, sondern eben auch wahllos. so bleibt es dem alltagsrassisten, der ja wie wir oder ich gerade festgestellt haben, eigentlich alltagsfaschist heißen müsste, relativ übrig, ob er ein anhänger des klassischen rassischen rassismus, des kulturrelativismus oder von beidem ist. der einzige wichtige unterschied ist darin bemessen, dass das eine aus einem ungleichheitsgedanken, das andere aus einem gleichheitsgedanken herauß entspringt. beides bedarf der „feindaufklärung“.

    alle tiere sind gleich

    auf at.indymedia.org hat es jüngst eine heftig debatte über den terminus „antiislamisch“ gegeben, nachdem von neonazis ein rassistisch bzw fremdenfeindlich motivierter anschlag verübt worden ist, und der artikel sich mit dem denkbar dümmsten titel schmückte, der zur auswahl stand.

    meine kommentare dazu sind unter dem pseudonym „mk“ ersichtlich.

    http://at.indymedia.org/node/18634

    ich danke für die denkfreude die ich zu dieser späten stunde noch hatte und hoffe auf weitere artikel dieses kalibers und auf wundersame erleuchtung des fraglosen, allzupragmatisch und viel zu wenig kritischen mobs…

    😉

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