Zur Kritik des Antirassismus


Seitdem hat es einen Wandel in der Einstellung und viel Bestürtzung und Verwirrung gegeben, weil der tatsächliche Verlauf der Ereignisse die linken Glaubenssätze der letzten Jahre in Unsinn verwandelt hatten. Es bedurfte keines großen Scharfsinns mehr, um zu erkennen, daß viel davon von Anfang an Unsinn gewesen war. Es besteht daher nicht die geringste Sicherheit, daß die nächsten Glaubenssätze besser sein werden als die letzten. (George Orwell 1940)

In diesem Text soll der Frage nachgegangen werden, was genau Rassismus, Antirassismus und Fremdenfeindlichkeit überhaupt ist? Und wie sich Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in der Geschichte geäußert haben und immer noch tun.

Um Antisemitismus wird es in diesem Text dagegen nur am Rande gehen und dies hat mehrere Gründe. Der Antisemitismus ist vom Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit so verschieden, dass man sie nicht mit dem gleichen Begriff beschreiben kann. Moishe Postone, der an der Universität von Chicago lehrt und schon seit den 1970er Jahren zum Thema Antisemitismus forscht, hat die Unterschiede, in einem in der Wochenzeitung Jungle World veröffentlichten Interview, prägnant auf den Punkt gebracht: „Die Juden stellen in dieser Wahrnehmung eine ungeheuer mächtige, abstrakte und ungreifbare globale Macht dar, die die Welt beherrscht. Nichts dieser Vorstellung Ähnliches steht im Zentrum anderer Formen von Rassismus. Rassismus stellt, soweit ich das beurteilen kann, selten ein geschlossenes Welterklärungssystem bereit. Antisemitismus ist eine primitive Kritik der Welt, der kapitalistischen Moderne.“ (Moishe Postone)

Der Antisemitismus wäre also ein Thema für einen eigenen Text und doch spielt er beim Thema Antirassismus immer wieder hinein. So wurde der Zionismus 1975 von der UN-Generalversammlung als eine Form des Rassismus beschrieben und die Antirassismus-Konferenzen  der UN, also Durban I und II, wurden zu antizionistischen Tribunalen gegen Israel. Dass der Antisemitismus im Antizionismus enthalten sei wie das Gewitter in der Wolke wusste schon 1969 niemand geringerer als der Schriftsteller Jean Amery, dessen Familie, und das sei nur nebenbei erwähnt, aus Hohenems stammt. Macht also schon der Antizionismus den Antisemitismus wieder ehrbar wie Amery schreibt, besteht heute die Gefahr, dass der aktuelle Antirassismus ihn sogar legitimiert.

Um die anfängliche Verwirrung noch zu komplementieren soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Begriff „Antirassismus“ auf Jean Paul Sartre zurückgeht der ihn erstmals 1948 verwendete. Der Sartre Schüler Claude Lanzmann, war dann nach 1967 einer der wenigen Kritiker des Antizionismus in der Linken aber bei weitem nicht nur dort. Und weil es immer noch verrückter geht, sei hier auch noch die Verhinderung seines Filmes „Warum Israel“ in Hamburg letzten Jahres ins Gedächtnis gerufen. Verhindert wurde er auch mit dem Argument, dass dieser Film und die Leute, die ihn zeigen wollten Rassisten seien.

Genug Gründe also sich zu aller erst zu Fragen: was ist Rassismus bzw. Antirassismus und was ist damit gemeint. Man muss sich also fragen, ob sich diese Begriffe gegenüber dem was sie einst kritisch benannten oder kritisierten haben nicht verselbstständigten. Diese Begriffsklärung ist keine akademische Spielerei, sondern soll den oben angesprochenen Fehlentwicklungen entgegenwirken.

Geschichte von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit

Diese Geschichte beginnt im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Der aus Frankreich stammende Josef Arthur de Gobineau gilt als Begründer des Rassismus. Er unterschied zwischen drei großen Haupt-Rassen“: die Weißen – die an der Spitze standen, die Gelben – die darunter standen und die Schwarzen – als die niedrigste „Rasse“.

Als „Rasse“ galt ihm – auch wenn er dies nie explizit ausführte – als eine in ihren geistigen und körperlichen Eigenschaften identische Gruppe. Verfügte sie anfangs noch über reines Blut, kam es im Lauf der Geschichte zu immer mehr Vermischungen, was nach ihm schlussendlich zum Niedergang der „Rassen“ führen werde. Er hatte also ein sehr pessimistisches Bild gezeichnet: Die Vermischung war für ihn unausweichlich und damit auch der Niedergang der „Rasse“.

Seine Schrift „Versuchs über die Ungleichheit der Menschenracen“ von 1853/55 die als Klassiker des Rassismus gilt, erlangte erst in den 1870er Jahren eine breite Rezeption und dies vor allem in Deutschland. (Vgl. Ebd., S. 35-39 und Georg L. Mosse 2006, S. 81-82)

Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Rassentheorien im 19. Jahrhundert spielten auch die Forschungen von Charles Darwin – sie gaben diesen Theorien einen wissenschaftlichen Anstrich. In seiner Evolutionstheorie überlebten die den Umständen am besten Angepasstesten (nicht die Stärksten) und vererbten dies an die Nachkommen weiter. Diese auf die Tier- und Pflanzenwelt angewandte Theorie wurde modifiziert und auf die Menschheit übertragen. So wurden im so genannten Sozialdarwinismus die „Rassen“ die Träger des Kampfes um das Dasein. Auch die Eugenik hatte hier ihren Ursprung; durch gezielte Zucht sollte die Qualität der „Rasse“ gesteigert werden. Oder besser: Da im Gründungsmanifest des Rassismus schon der Untergang der reinen Rasse postuliert wurde, musste diese durch Zucht erst wieder geschaffen werden. (Vgl. Johannes Zerger 1997, S. 39-40)

Am Ende des 19. Jahrhunderts, legte der Wahl-Deutsche Houston Stewart Chamberlain, mit seinem Buch „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, das wichtigste Werk seiner Zeit zum Thema „Rassetheorie“ vor. Sowohl die Gedanken von Gobineau als auch die von Darwin wurden wieder aufgenommen, auch wenn er mit deren Grundannahmen brach. Statt Pessimismus herrschte bei ihm Optimismus über ein Wiedererstarken der arisch-germanischen „Rasse“ vor. Die nördlichen Europäer galten ihm zwar als Träger der Weltgeschichte, diese hatten aber einen mächtigen Gegenspieler,  die Juden, diese hätten sich als „Rasse“ rein gehalten und seien nun im Begriff die Weltherrschaft zu übernehmen. Die „Neger“ sah er dagegen als minderwertig an und diese zur Kultur nicht fähig (Vgl. Ebd., S. 41-44)

Was ist Rassismus bzw. Fremdenfeindlichkeit

Die Begriffe Rassismus bzw. Rassist waren in ihrer Entstehung – anders als Antisemit oder Antisemitismus, keine Eigenbezeichnungen. Der Begriff Rassismus wurde schon seit Anbeginn (seit den 20er und 30er des 20. Jahrhundert) in kritischer Absicht gegen Rassentheorien verwendet. Nicht einmal die Nationalsozialisten wollten Rassisten sein, so ist in Meyers Lexikon, dass während der NS-Zeit in Deutschland erschien, zu lesen: „Rassismus, urspr. Schlagwort des demokr.-jüd. Weltkampfes gegen die völkischen Erneuerungsbewegungen und deren Ideen u. Maßnahmen, ihre Völker durch Rassenpflege zu sichern und das rassisch wie völkisch und politisch-wirtschaftlich zerstörte Judentum sowie anderweitiges Eindringen Blutes abzuwehren und auszuschalten, als unhuman und ihre Träger als „Rassisten“ zu verleumden.“

Gerade weil der Rassismus keine Eigenbezeichnung von Rassisten war, war auch immer die Gefahr der inhaltlichen Entleerung gegeben. Ein Beispiel für diese inhaltliche Entleerung ist ein Textausschnitt aus dem Buch „Geschichte des Rassismus“ von Christian Geulen, das hier exemplarisch erwähnt wird, weil es als Einführungsbuch zu diesem Thema  im doch sehr bekannten und anerkannten C.H. Beck Verlag erschien. Geulen definiert nun den Begriff Rassismus wie folgt: „In diesem Sinne beginnt Rassismus dort, wo Menschen der Ansicht sind, daß die Bekämpfung bestimmter Gruppen anderer Menschen die Welt besser mache.“ Diese Definition führt nun dazu, dass der Zweite Weltkrieg insgesamt und der Kampf der Alliierten gegen die Nazis, zu einem  Rassenkampf erklärt wird. Geulen schreibt: „Um so vehementer wurde dann aber der totale Krieg ab 1941 von allen Seiten und allen Beteiligten als existenzieller Rassenkampf ums schiere Überleben betrachtet“ (Christian Geulen) Also aufgepasst liebe Leute, die Bekämpfung einer Gruppe, auch wenn es sich dabei um Nazis handelt, kann nach dieser Definition „Rassismus“ genannt werden.

Hier wird klar, dass es eine enge und vor allem präzise Definition des Wortes Rassismus braucht, um mit diesem Begriff nicht einem reaktionären Relativismus das Wort zu reden.

Von Rassismus kann aber wohl erst die Rede sein, wenn mit Rassentheorien die Unveränderlichkeit verschiedener Menschengruppen bewiesen werden soll die zur Herabsetzung, Versklavung oder Ermordung verschiedener Menschengruppen führt. (Vgl. Clemens Nachtmann, Bahamas 58) Ist dies nicht der Fall, sollte auch nicht von Rassismus gesprochen werden. Auf die absurde Theorie eines „Rassismus ohne Rassen“, die in den frühen 1990er Jahren von Balibar eingeführt wurde, wurde schon an anderer Stelle eingegangen.

Nach dieser Definition bleibt aber auch festzuhalten: Rassismus ist heute kein mächtiges Denksystem mehr, das in Konkurrenz zu Gesellschaftsvorstellungen wie Liberalismus oder Konservativismus steht. (Vgl. George L. Mosse)  Rassentheorien sind heute gesellschaftlich nicht anerkannt, in der Wissenschaft verpönt und widerlegt. Wie schon damals die Nazis, will auch heute fast niemand ein Rassist sein. Trotzdem gibt es gesellschaftliche Diskriminierung von Gruppen von Menschen, die als „fremd“ angesehen werden.

Die Frage ist nun: Wie kann dies sein? Wären die Rassentheorien bzw. der Rassismus der Grund des Übels, müsste das Übel ja mit dem Ende der Rassentheorien verschwunden sein – ist es aber nicht. Denn die Einteilung der Menschheit in verschiedene Gruppen, die kulturell verschieden seien, geht den Rassentheorien historisch voran. So hatte schon der deutsche Romantiker Herder dem Universalismus der einen menschlichen Natur, die unüberwindbare Vielfalt der Kulturen entgegen gehalten. (Vgl. Alain Finkielkraut) Die Rassentheorien kamen erst nachträglich dazu und legitimierten solche Vorstellungen der kulturellen Differenz in Zeiten, in denen „Rassentheorien“ in der Wissenschaft fast unhinterfragt vertreten wurden. Es kommt daher nicht darauf an, ob man mit dem Argument der „Rasse“ oder der „Kultur“, die Einheit der Menschheit leugnet. Das zu kritisierende ist die Unterteilung in verschiedene Gruppen von Menschen – die eben auch ohne Rassentheorien funktioniert. Mit der Ablehnung der Rassentheorien alleine ist noch nichts gewonnen.  Und dies ist ein Punkt, den sich vor allem der nach 1945 aufkommende Antirassismus vergegenwärtigen sollte. Aber dazu später noch.

Wie entsteht Fremdenfeindlichkeit?

Neben der individuellen Entscheidung, die voraussetzt fremdenfeindlich zu denken, gibt es auch gesellschaftliche Umstände die so ein Denken möglich machen. Eine Hauptvoraussetzung für fremdenfeindliches, aber auch antisemitisches Denken, sind naturalistische Vorstellungen über die Gesellschaft, die ihrerseits eng mit der Durchsetzung kapitalistischer Produktionsweise verbunden sind.

Die Menschen leben heute in einer Gesellschaft, die sie Anfangs selbst schufen, die sich aber gegenüber dem Handeln der Menschen verselbstständige. Aufgrund dieser Verselbstständigung der Gesellschaft gegenüber den Menschen, erscheint ihnen diese fälschlicherweise als naturgegeben und deshalb als unveränderlich.

Der Liberalismus des 19. Jahrhunderts steht beim Thema Fremdenfeindlichkeit nun vor einem Dilemma, hatte er sich doch zum einen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, kurz die Menschenrechte auf die Fahnen geschrieben, glaubt er auf der anderen Seite, dass die Wirtschaft und die Gesellschaft Ausdruck „natürlicher Gesetze“ seien. Die Gesellschaften die nun die europäischen Kolonisatoren eroberten, waren sowohl von Kultur, als auch vom Stande der Produktivkräfte von Europa verschieden – wie war dies nun möglich, fragten sich die liberalen Aufklärer?

Es gab nun mehrere Möglichkeiten: Entweder man ging über den Liberalismus hinaus, postulierte eine Menschheit und schrieb die unterschiedlichen Entwicklungen von Menschengruppen, zufälligen Rahmenbedingungen zu.

Denn die einzelnen Gruppen von Menschen hatten aufgrund regional verschiedener Natureinflüsse eine unterschiedliche gesellschaftliche Entwicklung durchlaufen. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des Stoffwechselprozesses mit der Natur, darin formt der Mensch durch Arbeit nicht nur die Natur um, sondern dieser Prozess formt auch ihn und seine Gedanken und dies beeinflusst dann wiederrum die Art wie er arbeitet – es entsteht Kultur. Diese isolierte Entwicklung verschiedener Gruppen von Menschen, kam aber mit der Etablierung des Weltmarktes, spätestens im 19. Jahrhundert, an sein Ende. Karl Marx beschrieb in seinem wohl bekanntesten Werk „Manifest der Kommunistischen Partei“ diese Etablierung des Weltmarktes wie folgt: „Die nationale Absonderung und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensweise.“ (Karl Marx 1999, S. 40) Dies war von Marx keinesfalls als Kritik an der Gleichmacherei des Liberalismus gedacht, denn hoffnungsvoll glaubte er, dass das Proletariat die Gegensätze in Zukunft noch viel mehr vermindern könnte. Karl Marx ging also über den Liberalismus hinaus, um die Ideale der bürgerlichen Revolution – Gleichheit und Freiheit, zu realisieren.  Doch mit der Angleichung und der Erschließung der gesamten Welt kamen gleichzeitig die Unterschiede zu Bewusstsein und deshalb ist es wohl kein Zufall, dass nur fünf Jahre nach dem „Manifest der Kommunistischen Partei“ das oben schon beschriebene „Manifest des Rassismus“ von Gobineau erschien.

Wie nun klar geworden sein sollte, resultieren die kulturellen Unterschiede nicht aus einer angeblich verschiedenen menschlichen Natur, sondern aus der isolierten Entwicklung und den unterschiedlichen materiellen Rahmenbedingungen, mit denen die Menschen konfrontiert waren. Die Unterschiede sind also relativ, resultieren nicht aus der Natur des Menschen und wurden mit dem Weltmarkt tendenziell eingeebnet.

Dieser Einsicht steht aber eine Gesellschaft und die von ihr hervorgebrachte Theorie der politischen Ökonomie entgegen, die  glauben machen will, die momentane Gesellschaft sei im Menschen angelegt – so wird die Keule des Urmenschen zu seinem „Kapital“ erklärt und der Kapitalismus als Ausdruck der menschlichen Natur verstanden. Dies ist nun ein Ansatzpunkt für Theorien, die die unterschiedliche Entwicklung von Kultur und Produktionsfähigkeiten aus der Verschiedenheit der menschlichen Natur ableiten. Daher ist es eben auch kein Zufall, dass die Theorien Darwins, auch wenn sie nur auf die Natur gemünzt waren, auf den Menschen übertragen wurden – denn der Mensch folge in seinem Handeln ja auch nur den natürlichen Gesetzten. Und auch die zum Glück gescheiterte Präsidentschaftskandidatin der FPÖ Barbara Rosenkranz, hat im Jahre 2004 gefordert, man müsse die natürlichen Gesetze der Natur in der Gesellschaft achten.

Der Liberalismus seinerseits konnte diesen Konflikt zwischen allgemeinen Menschenrechten und der Vorstellung der Natürlichkeit der Ordnung nie ganz auflösen.

Wenn Gesellschaften weniger produzieren als andere, musste dies zwangsläufig aus der Natur dieser Menschen erklärt werden – es konnte also in dieser Denkweise nicht „den Menschen“ geben, sondern nur verschiedenste Gruppen von Menschen, mit verschiedenen natürlichen Eigenschaften. Der bewusstlose Anhänger dieser Gesellschaft, der nicht in der Lage ist, die oben beschriebenen Gründe der Unterschiedlichkeit der Menschen zu durchschauen, postuliert, wenn er sich als Liberal versteht, höchstens die Toleranz, dass alle Kulturen (früher Rassen) gleichwertig seien oder landet gar beim National-Liberalismus der FPÖ, was eben gar nicht so ein Widerspruch ist, wie viele glauben. (Hier soll auch kritisch auf den Begriff der Toleranz eingegangen werden: Toleranz kann nur postulieren, wer glaubt das diese Welt so gehöre wie sie ist, wer sich kritisch gegen sie stellt weil sie unvernünftig und mörderisch ist, kann schwer Toleranz einfordern. Tolerieren kann man nur etwas was unveränderlich erscheint, es macht gar keinen Sinn etwas Veränderbares zu tolerieren.)

Herbert Marcuse, ein Vertreter der Kritischen Theorie, stellte in Bezug auf die Naturalisierung der Gesellschaft in seinem 1934 veröffentlichten Text „Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung“ fest: „Vorgreifend stellen wir fest, dass auch der neue Antiliberalismus [gemeint sind die faschistischen, nationalsozialistischen und völkischen Bewegungen] ebenso wie der krasseste Liberalismus an die ewigen natürlichen Gesetzte im gesellschaftlichen Leben glaubt“ (Herbert Marcuse 1968, S. 26)

Die völkischen Bewegungen und der Nationalsozialismus lösten das Dilemma in dem der Liberalismus steckte dergestalt, dass sie die Gleichheit der Menschen leugneten und die Unterschiedlichkeit als Ausdruck der Natur, den sie mit dem Begriff der „Rasse“ beschrieben, fixierten.

Dies soll keine Ineinssetzung von Nationalsozialismus und Liberalismus sein, weil der Liberalismus die Möglichkeit, dass man sein Dilemma auch dahin lösen könnte, eine versöhnte Menschheit zu realisieren, offenließ.

In „Die Juden und Europa“ von Max Horkheimer kommt diese hier beschriebene Ambivalenz gut zum Ausdruck. Horkheimer gesteht dem Liberalismus zu, dass er gegenüber dem Faschismus, selbst noch in seinen Verfallsformen, das größtmögliche Glück verkörpere. An anderer Stelle gibt Horkheimer aber zu bedenken: „Heute gegen den Faschismus auf die liberalistische Denkart des neunzehnten Jahrhunderts sich berufen, heißt an die Instanz appellieren, durch die er gesiegt hat.“ (Max Horkheimer 1988, S. 327)

Ethnopluralismus und die „neue Rechte“

Zufälligerweise kommt nicht nur das „Manifest des Rassismus“ aus Frankreich, sondern auch der von der „neuen Rechten“ vertretene Theorie-Ansatz des Ethnopluralismus.

Das Konzept vom Ethnopluralismus wurde maßgeblich von Alain de Benoist – dem Vordenker der „neuen Rechten“ in Frankreich entwickelt. Es ist ein anti-universalistisches Konzept, das die Gleichheit der Menschen leugnet und sich selbst als „antirassistisch“ versteht.

Der Ethnopluralismus glaubt sich von Rassentheorien der Nationalsozialisten dadurch abzugrenzen, dass er im Eigenbild nicht wertend sei – wobei schon hier kritisch eingeworfen werden muss, dass der Nationalsozialismus weniger wertete, als vielmehr trennte und damit ganze Menschengruppen wie die Juden aus der Menschheit ausschloss und zur Vernichtung freigab. Das wertende Moment wäre eher ein Merkmal des europäischen Imperialismus der zum Kolonialsystem führte und trotz aller Verbrechen des Kolonialismus durch die Wertung an einem gleichen Maßstab zumindest negativ noch den Gedanken an eine gleiche Menschheit bewahrte. Die Trennung der Menschheit in unterschiedliche Gruppen ist aber ein Merkmal des Nationalsozialismus an das der Ethnopluralismus anschließt. Hier zeigt sich ein weiteres Mal die Problematik des Begriffs Rassismus, weil er diese beiden verschiedenen Phänomene mit dem gleichen Begriff zu beschreiben versucht.

Dem Nationalsozialismus wird von Benoist dabei zugestanden, dass er die Realität richtig gesehen habe, denn die Welt sei ja wirklich in verschiedene Rassen, Kulturen und Nationen geteilt, aber es sei eben nicht zu werten, sondern die Kulturen in ihren Eigenheiten zu bewahren. Dies wird der Nouvelle Droite zum Argument gegen die Menschenrechte: Weil diese universell seien, negierten sie die Identität der verschiedenen Kulturen.

Ziel solle es dagegen sein, dass die verschiedenen Ethnien durch eine Trennung friedlich miteinander oder besser nebeneinander Leben können. Dafür müssten aber auch ethnisch homogene Gesellschaften geschaffen werden – was auch hier wieder auf die alte Parole „Ausländer Raus“ hinaus läuft. (Vgl. Ebd., S. 140-142)

Migration gilt in diesem Konzept wider der Natur und schadet sowohl dem Migranten – weil er angeblich entwurzelt werde – als auch dem Zuwanderungsland, weil die Migration die Identität des Volkes schwäche. (Vgl. Andreas Beisbar 1999, S. 16, 18) Dies ist auch der Grund warum dieses Konzept, entgegen der Beteuerung seiner Anhänger, als fremdenfeindlich charakterisiert werden kann. Denn tolerant ist man nur gegenüber jenen, die dort bleiben, wo sie diesem Konzept nach hingehören. Der als „Fremd“ wahrgenommene Migrant aus einem anderen „Kulturkreis“ kann dagegen nicht auf Toleranz hoffen, ihm wird Feindschaft entgegen schlagen.

Der oben angesprochene „Antirassismus“ besteht nun in der Anerkennung der Differenz zwischen den Kulturen, die erhalten gehören. Das schlimme ist hier eigentlich, dass der Ethnopluralismus mit dieser Argumentation wirklich an das Konzept das Antirassismus nach 1945 anschließen kann. Der von Levi-Strauss im Auftrag der UNESCO geschriebene Text „Rasse und Geschichte“ hat sich nämlich auch den Universalismus als Feind auserkoren und fordert die Anerkennung aller Kulturen. Dies geschieht natürlich aus dem edlen Grund den ehemals Kolonisierten zu ihrem Recht zu verhelfen. Doch schon hier werden zwischen den Kulturen Unterschiede beschrieben, die akzeptiert werden müssen und über die man kein Urteil treffen soll – und genau hier kann der Ethnopluralismus heute anschließen. Levi-Strauss fiel dann zwanzig Jahre später in Ungnade weil er behauptete, es gäbe verschiedene „Rassen“, diese seien aber Ausdrücke der Kultur. Es darf also nicht verwundern, wenn anlässlich seines Todes auch auf rechtsradikalen Blogs Nachrufe auf Levi-Strauss erschienen die sein Lebenswerk rühmten.

Doch zurück zum Ethnopluralismus: Zwischen den Kulturen fordert Benoist einen Dialog – Individuen kommen in derlei Verständigung aber nicht vor. Der Universalismus wird in diesem Konzept dabei mit Rassismus gleichgesetzt. (Vgl. Sebatstian Reinfeld/Richard Schwarz 1994, S. 213-214) Verharren die Menschen in dem Kulturkreis, dem sie ihrer Herkunft nach angehören, zeigt sich der Ethnopluralismus tolerant. Er postuliert sogar die Gleichwertigkeit der verschiedenen Kulturkreise – die alle vor Fremdbestimmung geschützt gehörten: dies ist die antiimperialistische Stoßrichtung dieser Theorie – die nicht nur zur Ablehnung des Irakkrieges, sondern auch zur Sympathie mit Saddam Hussein geführt hat.

Der einzelne ist in dieser Sicht nur Träger seiner Kultur, ein Angehöriger eines Kollektivs aus dem er nicht ausbrechen kann. Und auch im aktuellen FPÖ Politik Handbuch ist folgendes zu lesen: „Es entspricht freiheitlicher Geisteshaltung, dem einzelnen Menschen die Freiheit als höchstes Gut einzuräumen und darin gleichzeitig einen unverzichtbaren Wert zu sehen. Der einzelne Mensch ist jedoch stets in eine Gemeinschaft gestellt, von der Familie bis zum Volk, die ebenfalls selbständig Träger von Freiheitsrechten sind.“ (FPÖ Handbuch)

Zusammengefasst hat die Auffassung des Ethnopluralismus Alain Finkielkraut in seinem Buch: „Die Niederlage des Denkens“, dort schreibt er: „Jedem Volk seine kulturelle Eigenart; jeder Kultur ihre moralischen Werte, ihre politischen Traditionen, ihre Verhaltensregeln. Seit kurzem ist diese Auffassung nicht mehr den Völkern der Dritten Welt in ihrem Kampf gegen die westliche Vormachtstellung vorbehalten. Sie wird auch von Gruppierungen der öffentlichen Meinung vertreten, die die allmähliche >Invasion< Europas durch Staatsangehörige der unterentwickelten Länder anprangert.“

Die „neuen Rechte“ also und dieser gelten Zuwanderer als Kolonisatoren Europas: „Ausgehungerte Kolonisatoren zwar, die jedoch durch ihren massiven Zustrom angeblich auf dem besten Wege sind, die europäischen Völker zu überrennen und ihnen ihre Eigenart zu nehmen.“

Diesem Konzept der „neuen Rechten“ hat sich sowohl die FPÖ als auch die österreichische Nazi-Szene verschrieben. Was auch ihre Position zum Islam erklärt. So schreibt die FPÖ in ihrem Positionspapier zum Islam, und dies wird jetzt einige überraschen, folgendes: „Ebenso wird niemand die wissenschaftlichen Leistungen der arabischen Kultur in Medizin, Mathematik und Astronomie ernsthaft in Abrede stellen.

Wir Europäer müssen daher jenen Kulturen, die einen islamischen Hintergrund haben, durchaus Respekt zollen. (…)

Von Nigeria bis Kasachstan, von Marokko bis Indonesien sind die Mehrheitsbevölkerungen vom Islam – wenn auch in sehr unterschiedlichen Ausrichtungen – entscheidend geprägt. Vor allem für die arabische Welt stellt der Islam die bedeutende Klammer für ein selbstbewußtes Auftreten in der Zukunft dar. (…) Als identitätsbewußte Bewegung unterstützt das national-freiheitliche Lager die Bestrebungen der islamischen Welt, sich von Fremdbestimmung zu emanzipieren. Eine verantwortungsvolle europäische Außenpolitik muß den Ausgleich mit der islamischen Welt suchen und darf sich nicht von den USA instrumentalisieren lassen. (Andreas Mölzer, http://www.andreas-moelzer.at/index.php?id=397, Zugriff 19.12.2008)

Zum Problem wird der FPÖ der Islam erst in Europa, so steht weiter im Text: „Diese Islamisierung Europas und der Vormarsch des radikalen Islamismus in Europa sind zu stoppen.

Grundlegend ist festzuhalten, daß der Islam kein Teil österreichischer oder europäischer Leitkultur war und ist.“ (Ebd.)

Hier sollte deutlich werden, dass der Islam in dieser Argumentation nicht der Angriffspunkt ist. Daher vermeide ich es auch, in diesem Zusammenhang von Islamophobie zu sprechen. Es handelt sich hierbei um eine ethnopluralistische Fremdenfeindlichkeit, der den Islam oder die unter ihn befassten Menschen, in Europa ablehnt weil er oder eben die Moslems fremd seien, dem Islam im arabischen Raum aber wohlwollend gegenüber steht, weil er und die Muslime dort hin gehörten.

Ob Türke, Araber oder Moslem ist dem Fremdenfeind dabei einerlei. Am Anfang steht die Ablehnung des Fremden, gesucht wird nur mehr nach einer Legitimation für die Forderung nach einem Zuwanderungs- und Asylstopp. Die Kritik am Islam bietet sich dafür an, weil sie eben nicht aus der Luft gegriffen ist. Trotzdem wäre die FPÖ Position gerade im Bereich des Asyls angreifbar. Max Horkheimer schrieb einmal zum Thema Asylrecht, es passe nicht mehr in die Gegenwart, denn die Idee des Asylrechts gehe auf jene Zeit zurück, in der die bürgerliche Ideologie ihre Ideale von Gleichheit und Freiheit noch ernst nahm. Das Ayslrecht gehörte zum Kampf des Bürgertums gegen den Absolutismus, es beruhte auf der Solidarität des westlichen Staatsbürgers, mit aufgeklärten Menschen in zurückgebliebenen Staaten. Da nun aus islamischen Staaten, wie dem Iran, nicht die Frommsten fliehen, wäre eine Kritik am Islam eher ein Argument dafür das Asyl-Recht auszuweiten.

Wie schon erwähnt, ist der Einzelne in dieser ethnopluralistischen Denkweise immer nur ein angehöriger eines Kollektivs. Ein Individuum das sich gegen die „Kultur“ entscheidet, in die er oder sie hineingeboren ist, ist undenkbar. Deshalb trifft die ethnopluralistische Islamkritik alle Menschen die einen Migrationshintergrund aus mehrheitlich islamischen Ländern haben – unabhängig davon ob diese nun religiös sind oder nicht.

Eine Kritik hätte sich deswegen gegen dieses angeboren-sein von Kultur zu richten. Stattdessen müht man sich heute um eine Ehrenrettung des Islam, die schon deswegen nichts bringt, weil der Islam von der FPÖ und der extremen Rechten außerhalb von Europa als durchaus positiv wahrgenommen wird und die Ablehnung nicht darauf basiert, dass der Islam schlecht sei, sondern, dass er in Europa „fremd“ sei.

Noch viel deutlicher wird das am Beispiel einer österreichischen Neonazi-Seite Namens Alpen-Donau-Info, dort wurde im Februar 2010 ein Text mit dem Titel: „Wie Juden gegen Staaten Stimmung machen“ veröffentlicht.

Zu lesen war nun folgendes: Die ehemaligen Multikulti-Apostel zetern nun über den Islam, machen einen sogenannten „Antiislamismus“ salonfähig und stellen Israel als Galionsfigur eines heiligen „Europäischen“ Kriegs gegen „die Mullahs“ dar.
Traurig aber wahr, viele fallen auf diese Schmierenkomödie herein. Mit billiger Moslemfeindlichkeit kühlt man sein Mütchen. Wir haben kein Religionsproblem, sondern ein Ausländerproblem!“

Und sie stellen klar: „Die Islamisierung Europas hat nichts mit der palästinensischen Notwehr gegen „Israels“ Vernichtungskrieg zu tun. Unser Kampf gegen die Islamisierung Europas hat nichts mit unserer Freundschaft zum letzten freien Staat, dem Iran, zu tun!“

So ist Gerhard Scheit zuzustimmen wenn er schreibt: So kehrt das postnazistische Bewußtsein zur Großraumtheorie zurück, die nun aber nicht mehr wie in der nationalsozialistischen Ideologie und Praxis umschlägt in die Aspiration der Weltherrschaft, vielmehr wünscht man sich den Islam siegreich dort, im anderen Großraum, wo es gilt, das Judentum in dessen Staat vernichtend zu treffen, aber will sie desto weniger im eigenen Großraum haben. Der Haß auf die Muslime ist also in sich begrenzt und nicht – wie die Rede von der Islamophobie insinuiert – mit Weltverschwörungstheorien, die aufs Judentum zielen, auf eine Stufe zu stellen. Nur tritt jener Haß in postnazistischen Gesellschaften stets mit diesen Weltverschwörungstheorien gemeinsam auf.“ (Gerhard Scheit 2009, S. 250-251)

Was tun?

Den Rassentheorien, die die Menschen in verschiedene Rassen unterteilte und dem Antirassismus, der diese Unterteilung fortführt, dies aber nicht mit der Rasse, sondern der Toleranz begründet und gerade deswegen als aufgeklärt und progressiv erscheint, ist ein individualistischer Universalismus entgegenzuhalten, der den Einzelnen vor Zwangskollektiven schützt und ihn nicht schon vorab einem nationalen oder religiösen Zwangskollektiv unterordnet. Daher gälte im Kampf gegen die Fremdenfeindlichkeit nicht mehr kulturellen (Zwangs)Kollektiven die Solidarität, sondern den Individuen in ihrer Unterschiedlichkeit. Adorno beschreibt dies in seiner „Minima Moralia“ wie folgt: „Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen (eine befreite Gesellschaft) in der Versöhnung der Differenzen (der Unterschiedlichkeit der Menschen).“

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Eine Antwort zu Zur Kritik des Antirassismus

  1. gewure schreibt:

    schreibst du nicht mehr

    guter beitrag.

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